Hamburg Blues Band

Hamburg Blues Band am 30.10.2008 im Erfurter HsD

Hamburg Blues Band

Leute, was ich erlebt habe, war seit langem das Größte Ein Mann, inzwischen 68, ich wiederhole, achtundsechzig Jahre alt,
brannte ein wahres Blues– und Rockfeuerwerk ab, dass einem die Luft wegblieb. Wo verdammt wart Ihr denn alle, das erlebt man nur noch selten, da der Interpret und wir ja wohl auch nicht jünger werden?


Er könnte ein Fossil aus den 60er Jahren sein und wirkte doch gegenwärtig. Man nennt ihn „The Voice“, ein Attribut, das auch Frank Sinatra und Van Morrison zuerkannt bekamen. Mit der Hamburg Blues Band im Rücken, die auf Jubiläumstour wegen ihres 25jährigen Bestehens ist, bewies Chris Farlowe, wie sich Energie und Spannung immer noch in seiner Stimme bündeln, wie sich Songs zu beinahe körperlich fühlbaren Ereignissen verwandeln können.

Das Publikum bestand zu, sagen wir mal, 98% aus älteren Semestern, z.T. schon mit dürftigem Haupthaar und einem dafür imposanteren Bauch. Die noch genug Haupthaar hatten, waren dann schon leicht ergraut, und, VoKuHiLa war wieder angesagt. Da fühlt man sich doch gleich wohl unter seinesgleichen. Lange hatte ich mich schon auf das Konzert gefreut, die Ankündigung, dass die Hamburg Blues Band mit Dave „Clem“ Clempson verstärkt auftreten würde, und Chris Farlowe mittourt, war Anlass genug, mir endlich mal die in Deutschland seit langem hoch geschätzte Band anzuhören.

Das HsD war knüppelvoll, und es wird schon gejubelt, bevor die Band die ersten Akkorde vom Stapel lässt. Mit einer halben Stunde Verspätung betrat die Band die Bühne. Im Gegensatz zu den vorherigen Auftritten in Deutschland, bei denen Chris Farlowe erst später dazu kam, war er in Erfurt von Anfang an dabei, ebenso Clem Clempson. Das hatte seine Gründe, da noch während der laufenden Tournee der bis dahin als Leadgitarrist fungierende Alex Conti seinen Hut genommen hatte, wieso, weshalb, warum, das liegt noch im Dunklen, aber Clempson ist mehr als Ersatz, zupfte er doch schon bei solchen Formation wie Humble Pie (mit Steve Marriott),und Colosseum die Saiten.

Dass beide gleich gebraucht wurden, lag auch daran, dass der jetzige Boss der Band Gert Lange stimmlich nicht in Form war, ein Katarrh hatte seine Stimme außer Gefecht gesetzt. Und da stand er dann, Clem Clemoson, 58 Jahre und fit wie ein Turnschuh. Aus seinen beiden Gibson Les Pauls zaubert er Bluesklänge vom Feinsten, auch sein Slidespiel ist als Weltklasse einzustufen. Und dann kam Chris Farlowe, weißes, nach oben gekämmtes Haar, aschfahles und faltiges Gesicht und ein recht ordentliches Bäuchlein, einem monströsen Kasten als Brustkorb, darüber ein zeltartiges Hawaii-Hemd, á la Jürgen von der Lippe, eine Brille mit Rändern wie Lakritzstangen. Seine Bewegungen wirken tapsig und scheinbar unbeholfen, doch all die vorher genannten Eigenschaften spielen alle keine Rolle mehr, als seine Stimme in den Saal hallt. Mal schneidend, mal guttural, die Silben hervorquetschend eignet sich Farlowe jeden Song an.

Frank Freyboth berichtet

Dave "Clem" Clempson
Chris Farlowe in Action
Chris Farlowe

An den Keyboards saß mit Adrian Askew auch ein weiteres Urgestein der Hamburger Rockszene, der u a. schon bei Lake die Tasten bearbeitete. Ein kecker Hut zierte sein Haupt. Wenn er zu einem Solo anhub, stand Farlowe ihm gegenüber, seine steifen Hüften im Takt schwingend, und animierte ihn immer wieder zu außergewöhnlichen Leistungen. Am Schlagzeug auch kein unbekannter, Hans Wallbaum, der finster wie ein Vickinger ausschaut und begnadet trommelt, er spielte schon bei Stoppok. „Shut the door, Hansi“ ruft ihm mehrmals Chris Farlowe zu, was soviel bedeutet, du entscheidest, wann der Song wirklich zu Ende ist, und er trommelt noch mal los wie ein Irrer, und wie es halt so üblich ist, Hansi hebt die Stöcke zum letzten Schlag und Chris vollführt dazu noch einen Sprung.
In dieser Besetzung hat die HBB definitiv das Zeug dazu, auch international den Durchbruch zu schaffen. Eine CD in dieser Besetzung ist in Arbeit, wird neue Songs mit Clempson beinhalten und ebenfalls Livemitschnitte der Tour präsentieren, für mich jetzt ein Muss.

Es war bei dieser Besetzung eigentlich keine Frage, dass dieser Gig denkwürdig werden würde.
Das Repertoire bewegte sich zwischen den 60gern, natürlich Colosseum, bis zu der neuesten Scheibe von Chris Farlowe, Hotel Eingang, die ich im Anschluss mit Autogramm erwarb.

Was Chris Farlowe mit seiner Stimme so alles anstellte, da gab es den sehr langsamen Titel „Don‘t Wanna Love You Anymore“, ich stehe nun wirklich nicht auf getragene Songs, aber die Interpretation von Farlowe verursachte mir sogar Gänsehaut, wieviel Gefühl er dabei rüberbrachte, nur genial. Und welcher Gegensatz dazu der „Stormy Monday Blues“ von Colosseum, der Song wurde zu einem Ereignis. Er variierte die Textzeilen und singt nebenbei davon, dass er in seinem Alter doch eher Pfefferminztee statt Whisky trinken sollte und bestellt trotzdem über das Mikro einen Whisky. Der ließ dann auch nicht lange auf sich warten, dazu noch ein Köstritzer Schwarzbier im Originalglas, ein Erlebnis, wie er versuchte, den Text auf dem Glas zu lesen.
Ein souliges „Standing on shakey ground“, aber da wackelt nichts, der Song steht stabil wie eine Eins. Farlowe wimmert, jauchzt, brüllt und knödelt den Blues in „I Don‘t Wanna Sing The Blues No more“. Diese Röhre ist aber auch wirklich einmalig und von Niemandem zu imitieren. Noch immer klingt sie, wie in ihren besten Zeiten. Selbst die Jodeleinlagen beherrscht der Mann immer noch perfekt. Die Zuhörer tobten.
„Fog On The Highway“, wieder so ein langsamer Blues, der in pure Verzweiflung übergeht, dazu Soli vom Keyboard und Clempsons Slidegitarre, ein Highlight. So arbeiteten sich die Musiker durch ihr Programm voller Blues und Blues Rock-Songs und begeisterten nun alle Anwesenden.
Eine derartige Stimmung habe ich bisher sehr selten bei einem Konzert erlebt, doch noch immer war das Ende der Fahnenstange nicht erreicht. Mit dem Tribute-Song für Steve Marriott, „All Or Nothing“, stellte sich auch noch das alte Beat Club-Feeling bei mir ein. Bei der Coverversion des alten Small Faces-Klassikers hätte bloß noch gefehlt, dass Uschi Nerke die Moderation macht. Die Leute sangen alle den Refrain begeistert mit, selbst ich mit meiner Erkältung musste mich beteiligen, das ging ganz von allein, von der Band kam beim Refrain kein Laut aus dem Mikro, wurde alles vom Publikum erledigt. Spätestens jetzt stand niemand mehr ruhig an seinem Platz. Nun hatte das Konzert totalen Feten-Charakter erreicht.

Weiter im Takt, „Jealouse Man“ erinnerte mich irgendwie an Canned Heat, das ging ab, dann noch „The Woman Or The Blues“, textmäßig sehr lustig. Chris lernt in seinem Leben mehrere Frauen kennen und muss sich jedesmal die Frage stellen, Woman Or Blues, in seinem jetzigen Alter gibt es wahrscheinlich nur eine Antwort.
Dann die Zugaben, die erste ein Titel von Colosseum, das reichte uns aber nicht, also kamen sie zum zweiten mal auf die Bühne, und Chris stellte die Frage, was sie denn spielen sollen.

Nur ein Ruf schallte aus dem Publikum, Out Of Time, okay.
Da kam sein einziger großer Hit, der ihm von unseren Lieblingen Mick Jagger und Keith Richards geschenkt wurde. Auch jetzt wurde wieder heftigst mitgesungen. Bei der Band, die während des gesamten Gigs eine unbändige Spielfreude an den Tag gelegt hatte, machte sich nun die reine Begeisterung breit. So sah man nur noch strahlende Gesichter auf der Bühne. Diese Show muss selbst diesen abgezockten Profis sehr viel Spaß gemacht haben, sonst wären solche Reaktionen kaum möglich gewesen.
Nach etwas mehr als zwei Stunden inklusiv der Zugaben endete dieses Konzert unter tosendem Applaus. Ich glaube, hier ist wohl niemand nach Hause gegangen, der auch nur eine Kleinigkeit zu bemängeln hätte. Chris Farlowe und Clem Clemson zeigten ihre außergewöhnliche Klasse und hatten in der Hamburg Blues Band die idealen Begleitmusiker, die genau die benötigte Power und den Drive auf die Bühne brachten, die für diesen Klasse-Gig benötigt wurde.


Ergänzung vom 3. Mai 2009:
die Hamburg Blues Band spielt wieder am Freitag, dem 18.September 2009 in Erfurt.
Die neue Scheibe "Mad Dog Blues" ist inzwischen meine, da sind ein paar Titel live drauf, der Rest ist Studioarbeit, nicht schlecht, aber live ist das alles wesentlich besser!
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